Veranstaltung zum Thema Dschihadismus im Saarland

Was kann ich tun, wenn jemand in meinem direkten Umfeld radikale Tendenzen entwickelt oder gar droht, dem Dschihadismus zu verfallen? Dieser Frage wollte der Verein zur Förderung der Bewährungs- und Jugendgerichtshilfe im Saarland (Kurz: BWH) nachgehen. Stichwort, bzw. Hashtag: #Deradikalisierung. Dazu hatten sie am 26. September eine Veranstaltung mit drei bekannten und guten Referenten organisiert. Ich war so ziemlich der einzige politische Vertreter, wenn man von der Eröffnung der Veranstaltung durch die Staatssekretärin Anke Morsch absieht. Das Publikum setzte sich vorwiegend aus Polizei, Richtern, Staatsanwälten und Sozialarbeitern zusammen. Das erklärt auch den Fokus der Nachfragen zum den Umgang mit straffälligen radikalen Muslimen, der Resozialisierung und Präventionsmöglichkeiten.

Kurz zu den Vorträgen

Mit freundlicher Genehmigung der Personen.
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Die Referenten des Tages (vlnr): Jörg Klein, Dr. Marwan Abou-Taam, Lamya Kaddor

Dr. Marwan Abou-Taam

wartete mit dem geballten Hintergrundwissen zu seinem Studienschwerpunkt “Sicherheitspolitik und Terrorismusforschung” auf. Er berät Bund und Länder in Fragen zum ‚Islamismus’. Abou-Taam erläuterte kurz das unglaublich komplexe Feld seiner Forschung: die Spanne reichte von der Geschichte des Islam zur Inner- und inter-zivilisatorische Krise der islamischen Gesellschaft; von der Binnensicht der Ultra-Orthodoxen Muslime bis hin zur Frage, warum sich jemand radikalisiert und was man dagegen tun könnte.
Besonders interessant dabei waren Einblicke in seine Gespräche mit Rückkehrern aus dem ‚Dschihad‘. Bei den Menschen, die nach Afghanistan oder Syrien gegangen sind, um sich dort dem Krieg anzuschließen, ginge es weniger um theologische Fragen. Vielmehr stünden bei ihnen Fragen von Gerechtigkeit im Vordergrund: warum sei es jetzt böse auf Amerikaner zu schießen, wenn es vorher gut gewesen sei Sowjets zu töten?
Aktuell spielen Debatten wie #Burkaverbot etc. Radikalen eher in die Hand, weil sie das Gefühl bestärken, ‚der Westen‘ unterdrücke ‚den Islam‘. Kritisch sei vor allem, das in Deutschland die Salafisten Vorherrschaft über die Frage ‚Was ist der Islam?’ übernehmen würden.

Lamya Kaddor

Islamwissenschaftlerin und islamische Religionslehrerin, als ‚liberale Muslima‘ bekannt, machte am Beginn ihres Vortrages noch einmal deutlich, wie viele unterschiedliche Sichtweisen und Interpretationen des Koran und der anderen muslimischen Rechtsgrundlagen es gibt. Das ist wichtig, denn – und das habe ich die Tage leider auch wieder häufiger erlebt – in der öffentlichen Wahrnehmung wird die ultra-orthodoxe Lesart der Islamisten mit dem Kern ‚des Islam‘ gleichgesetzt. Was alle Muslime leider unter den Generalverdacht der Radikalisierung setzt. Hier ist noch viel, viel Arbeit gerade von politischer Seite zu leisten. Von ‚der Politik‘ wünschte sie sich weniger emotional geführte Debatten, sondern Beiträge zur politischen Bildung.
Frau Kaddor betonte, wie wichtig Kontext und konkrete historische Einordnung bei der Vermittlung islamischer Lehren sei. Dies sei auch Teil des islamischen Unterrichts in NRW. Sie berichtete von ihren Erfahrungen mit Schülerinnen und Schülern. Islamkundeunterricht (vs. Islamunterricht!) sei ein wichtiges Mittel der Prävention. Sie kritisierte die Zusammensetzung z.B. der Islamkonferenz und der Beiräte, die die Lehrerlaubnis zum Islamkundeunterricht erteilen. Dort sind überwiegend konservativ muslimische Interessengruppen vertreten, mit der Folge, das eine konservative Auslegung des Islam im Vordergrund steht. Eine Kritik, die im Rahmen des 10jährigen Bestehens der Islamkonferenz auch von den Medien aufgenommen wurde.

Jörg Klein

Kriminalhauptkomissar und Ermittlungsführer gegen die „Sauerlandgruppe“ nahm die Geschichte des Saarländers Eric B. zum Anlass, um zu zeigen, wie schnell eine islamische Radikalisierung ihren Lauf nehmen kann. Innerhalb von 1,5 Jahren wurde aus einem ersten Kontakt ein Mensch, der nach Pakistan ging, dort einer deutsche Moudjahidin bei trat und den bewaffneten Kampf gegen Deutschland in Rekrutierungsvideos propagierte. Das besondere an seinem Fall ist, daß es eine selbstgeschriebene Biographie von ihm gibt, in der er seinen Weg in den Dschihad erläutert. Man hat also gute Einblicke in das Selbstverständnis und den Weg den Eric B. nahm.
Die ständige Frage dabei bleibt: wann hätte man ihm wie helfen können? Die erste Anlaufstelle für Verwandte und Freunde ist und bleibt die Polizei. Die sei in solchen Fällen meist auf sich alleine gestellt. Es fehle im Saarland an einer Stelle, die Anzeigen aus dem sozialen Umfeld aufnehmen und fallbezogen koordinieren können.

Und die Muslime im Saarland?

Islamischen Religionsunterricht weiter entwickeln

Islamischer Unterricht ist bei uns im Saarland noch ein Modellprojekt. Er findet im Saarland an ausgewählten Grundschulen in Saarbrücken und Völklingen statt. Für den Unterricht werden, solange noch keine für den Islamischen Religionsunterricht speziell ausgebildeten Lehrkräfte mit Staatsexamen zur Verfügung stehen,  Lehrkräfte oder Quereinsteiger muslimischen Glaubens über ein Ausbildungsprogramm sowohl vorbereitend als auch begleitend qualifiziert. Diese Maßnahmen finden zum großen Teil über bereits existierende Module im Studienseminar und Fortbildungen am Landesinstitut für Pädagogik und Medien (LPM) statt. Ein Prozess der sich auch schon mindestens 10 Jahre gezogen hat.

Im Austausch mit den muslimischen Gemeinden bleiben

Unsere muslimischen Gemeinden sind kommunal sehr eng mit der Politik verbunden. Wir tauschen uns regelmäßig aus; sie sind Teil der interreligiösen Arbeitsgruppen und des interreligiösen Dialogs. Auch der Tag der offenen Moschee, der jedes Jahr am Tag der Deutschen Einheit stattfindet, ist eine gute Gelegenheit, sich über die hiesigen muslimischen Gemeinden zu informieren.

Präventionsmaßnahmen fördern

Auch der Landtag hat das Thema Präventionsmaßnahmen bereits im September 2014 (Top 10 und 16) diskutiert. Auslöser für die Debatte war, daß in der Saarbrücker Innenstadt eine IS-Flagge als Provokation öffentlich gehisst wurde.

Die von Jörg Klein angesprochene Koordinierungsstelle, um Radikalisierungstendenzen frühzeitig zu begegnen ist inzwischen im Rahmen des Bundesprogramms als „Fach- und Vernetzungsstelle – Salafismus im Saarland“ eingerichtet. Nächster Step für diesen Blog: ein Gespräch mit der Islamwissenschaftlerin, die das Projekt und noch einige mehr zum Thema Islam (Projekts „Salafismus im Saarland“ aber auch des Modellprojekts „Islam im Saarland – saarländischer Islam“) betreut. Auf ministerieller Ebene soll eine Arbeitsgruppe in Vorbereitung sein.

Mein Fazit zum Dschihadismus und zur Radikalisierung

Die muslimischen Gruppen leben in unserer Gesellschaft im Moment leider im Spannungsverhältnis zwischen Religionsfreiheit und Sicherheitspolitik. Dr. Abou-Taam trug zu Recht vor, daß mit der Betonung der einen Seite immer die andere Seite leide. Reagieren wir zu stark auf das Thema Dschihadismus und Radikalisierung, spielen wir den Radikalisierern in die Hände, reagieren wir zu wenig, bleibt die Sicherheitsfrage offen.

Kooperationsmodell öffnen

Im Austausch der Organisationen sehe ich persönlich tatsächlich die Politik gefragt. Regierungen und Parteien müssen es schaffen, das sogenannte (religionspolitische) Kooperationsmodell für unterschiedliche religiöse Gruppierungen zu öffnen. Das wird Arbeit erfordern, wie die Kritik an der Islamkonferenz gezeigt hat. Es betrifft auch nicht nur die sich dem Islam zugehörig fühlenden Menschen, sondern auch die bisherige Zusammenarbeit zwischen christlichen Gruppen und der Politik.

Professionalisierung fordern und fördern

Zur Demokratisierung im religionspolitischen Dialog gehört meiner Meinung nach auch, das neben großen Spitzenverbänden mehr und mehr kleinere Organisationen hinzugezogen und als gleichwertige Partner eingebunden werden. Dazu muss man aber auch wissen, dass sich liberale Muslime erst 2010 organisatorisch in der LIB zusammengefunden haben. Diese Organisation muss sich ihre Stellung als Sprachrohr eines Teils der Muslime in Deutschland gegenüber der Bundesregierung und den anderen muslimischen Verbänden noch erkämpfen. Keine einfache Aufgabe.
Diese neuen Partner proaktiv in die Debatte einzubeziehen, ist eine integrative Arbeit, die vor allem auch in die Parteien vonstatten gehen muss.

Auf der anderen Seite müssen die islamischen Gemeinden in die Lage versetzt werden, sich besser um ihre Mitglieder kümmern zu können. Das geht nur mit öffentlicher Unterstützung über Jugendarbeit, Investitionszuschüsse in Gemeindehäuser etc. Wenn wir eine Professionalisierung der islamischen Gemeinden fordern, müssen wir ihnen auch Wege aufzeigen, dies zu erreichen.

Religionsunterricht zweiteilen

Beim Religionsunterricht sollten wir zweigleisig fahren: einen allgemeinen, überkonfessionellen Religionskunde Unterricht und einen spezialisierten, bekenntnisorientierten Teil. So kann es gelingen, die von Kirchen und Parteien gewünschte Werteorientierung mit einer – von mir präferierten – universellen Ideologiekritik (im Sinne der ‘Aufdeckung ideologischer Motive in der Gesellschaft’) zu verknüpfen.

Radikalisierung jeder Art entgegen treten

In der gesellschaftlichen Frage, wie man Radikalisierung verhindern kann, dürfen wir nicht nur radikalisierte Islamisten im Auge haben; die laufende Radikalisierung von Rechts (Pegida, AfD, etc.) stellt uns strukturell vor die gleichen Fragen: Wen kann ich ansprechen, wenn ich solch eine Vereinfachung der Weltbilder bei einem mir lieben Menschen bemerke? Was tun gegen die verbale Aufrüstung und Menschenfeindlichkeit, wie sie sich gerade ihren Weg in die Öffentlichkeit bricht?

Vielleicht hilft es ja schon, wenn jeder von uns darauf achtet, dass wir im Gespräch über Glaube, Politik und Fussball verbal abrüsten; klare Regeln kommunizieren und vorleben. Und Menschenfeindlichkeit direkt begegnen, wo wir können. Parallelgesellschaften entstehen nur, wenn wir uns nicht darum kümmern, mit wem wir alles zusammenleben.

In diesem Sinne, bis zum nächsten Beitrag!

Beitragsbild von TeamCu29; CC BY-ND 2.0