Was ist Heimat? – Heinz Ratz und ein Besuch in Lebach

Was ist Heimat? Heimat ist dort wo man sich ein Zuhause machen kann.

Wenn man dich und mich und sie und ihn denn lässt.
Die längere Antwort auf die Frage „Was ist Heimat“ findet ihr hier.

Wie sieht es in einem Flüchtlingslager aus?

Am vergangenen Freitag war ich mit Andrea und Carsten zu Besuch im Flüchtlingslager Lebach.
Lebach ist eine kleine Gemeinde mit knapp 20.000 Einwohnern und liegt mitten in der Pampa. Mit dem Zug kommt man einmal pro Stunde dort weg und bis nach Saarbrücken. Mit dem Bus eine halbe Weltreise.

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In Lebach leben rund 1.300 Flüchtlinge. Das entspricht einem Dorf im Dorf. Und das Lager platzt inzwischen aus allen Nähten.
Wir sind dort hingefahren, weil im Schatten der „geilen Scheisse im Saarland“ – den vielen großen Volksfesten wie dem Saarspektakel – von der Caritas zusammen mit der Band Strom&Wasser  von Heinz Ratz ein nettes kleines Kinderfest ausgerichtet wurde.

Bereits von 2012/2013 war der Kieler Musiker Heinz Ratz mit seiner Band Strom & Wasser, sowie Musikern aus Flüchtlingslagern – The Refugees – auf Tour, um auf die schwierige Situation von Flüchtlingen bei uns aufmerksam zu machen. Dabei besuchte der Musiker mehr als 150 Flüchtlingslager und stellte fest, dass die Haupt-Leidtragenden sehr oft Frauen sind, die alleine oder mit ihren Kindern fliehen müssen. Aus diesem Grund ist Heinz Ratz wieder unterwegs: mit einer Begleitcrew aus Flüchtlingen und deutschen Unterstützerinnen und Unterstützern (z.B. den Women in Exil) ist er seit dem 14. Juli mit zwei großen, zu Flüchtlingsbooten umgestalteten Flößen unterwegs (http://www.fluchtschiff.de/) .

Am 01.08. machte die Gruppe im Saarland Halt, um die Flüchtlingsauffangstation in Lebach zu besuchen, was bei der letzten Tour leider nicht möglich war.

Hier ein paar Beispiele seiner Auftritte:

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cc lizenz by Andrea Jaeckel-Dobschat (ajd-photographie.de)
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Die Gebäude in Lebach sind alt. Es gibt Löcher in den Außenwänden. Teilweise fehlen Außentüren zu den kleinen Balkons. Es gibt eine große Gemeinschaftsdusche (für bis zu 1.300 Menschen!) an einem Ende des Lagers. Das Land wollte über 1 Mio. € dort investieren, damit die Sanitäranlagen auf Nutzbarkeit gebracht werden. Zu erkennen war das nicht.
Die Menschen dort leben vom Warten. Warten auf das nächste Essenspaket (mit dem offenbar auch Schweinefleisch an Muslime ausgeteilt wird!). Warten auf die Abschiebung, oder die Unterbringung in den umliegenden Gemeinden.

Mir stellen sich unendlich viele Fragen – wie teilt man sich den Menschen mit? Wie kann man das Warten aufbrechen, wenn sie dort noch nicht einmal eigenes Gemüse anbauen können, weil es nur Rasenflächen gibt? Wie gehen die Menschen dort mit Frustration, dem engen aufeinander Sitzen und der Gewalt untereinander um? Vor allem nach dem traumatischen Erlebnis einer langen Flucht.

(mal wieder) eine Podiumsdiskussion

Im Anschluss an das Fest fand eine Podiumsdiskussion und danach das Konzert im U2-Raum in Saarbrücken statt. Die Diskussion war der übliche Austausch politisch aktiver Gruppierungen.

„Im Podium vertreten: – Dr. Simone Peter, Bundesvorsitzende der Grünen – Heinz Ratz, Musiker – Ikbal Berber, Ramesch e.V. – Veronika Kabis, Zuwanderungs- und Integrationsbüro Saarbrücken – Hans Wolf, Aktion 3. Welt Saar – Melanie Malter-Gnanou, Netzwerk Entwicklungspolitik im Saarland e.V. – Innenministerium des Saarlandes [Frau Zöllner vom Landesverwaltungsamt] – Weitere VertreterInnen der beteiligten Kooperationspartner, die sich in der Flüchtlingsproblematik engagieren“ http://in-szene.net/u2raum/102-2/ 
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Ja, wir sind uns alle einig, das mehr für Flüchtlinge getan werden muss; das Deutschland mehr Flüchtlinge aufnehmen sollte; das die Antragshürden für Asyl in Deutschland fallen müssen. Aber bei der Frage nach den Unterbringungsstandards hier in Deutschland kamen doch massive Unterschiede auf. Zwischen „Das Leben dort ist halt kein 5-Sterne-Hotel“ (sehr unglückliche Wortwahl), „Wir tun was wir können – solange es sich eben noch lohnt, weil doch eh bald abgeschoben“ und „einfach mal besser machen“ reichte die Bandbreite der Antworten.

Die Podiumsdiskussion bot dazu leider den falschen Rahmen. Sie war zu abstrakt. Zu „politisch“.
Erfahrungsberichte von Flüchtlingen, die im Publikum saßen, wurden nur zögerlich zugelassen. Wegen dem engen Zeitrahmen. Lichtblick war Heinz Ratz. Sein echter Einblick in die Situation bundesweit hilft mir, meine eigenen Eindrücke zu verorten. Danke dafür!

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Nun ja. Das paritätische Bildungswerk und seine Kooperationspartner wollen dieses Versäumnis nachholen und eine konkrete Veranstaltung nachschieben. Wir dürfen gespannt sein.
Für mich war das der erste Eindruck über die Situation im Saarland. Ich bin kein Fachpolitiker an der Stelle. Aber in meiner Arbeit im Regionalverband werden diese ersten Eindrücke sicherlich hilfreich sein. Eindrücke aufnehmen. Wirken lassen. Wirkungen zulassen. Und danach mein Handeln ausrichten.

Als erste Schritte geht es nun darum im Regionalverband bei der Unterbringung ein Auge drauf haben. Und in Lebach immer mal wieder vorbeizuschauen. Wo es geht, Kontakt mit den „Flüchtlingen“ suchen und herauszufinden, was ihre Bedürfnisse sind.
Danke nochmal an Heinz. Wenn es solche „Anker“ wie ihn und seine Aktionen nicht gäbe, würde die Begegnung allzu häufig nur abstrakt stattfinden. Vor allem, wenn diese Begegnung im „Schatten“ der Öffentlichkeit stattfindet.

Stay tuned.